Das Wasserhaus
Die Sonne steigt über die noch schwarze Rigi. Sanft klart der Tag, hellt sich das Licht. Am Quai mischen sich in der Morgendämmerung, wenn die Gassen noch grau sind, Mond-, Sonnen- und Wasserglanz. Das Warten macht mich achtsam; jede feste Erwartung erlischt. Menschliche Wahrnehmung ist zu grob, die Veränderung des Lichts wirklich zu erfassen. Es verzaubert das Bootshaus in eine Sonnenuhr und magische Pforte. Der Balustrade scheint das Stoffliche zu fehlen, als bestünde sie ganz aus getrockneter Farbe.Sie entfaltet ein Eigenleben wie das Innere eines Klaviers. Das Wasserhaus hegt die warme Geborgenheit eines Intérieurs, dessen Glut ein schwelendes Feuer bändigt. Wie Lava fliesst Wasser auf einen unsichtbaren, vom Gitter bezeichneten und vor dem Betrachter niederfallenden Katarrakt zu und führt ihn in eine geheimnisvolle Sphäre. Die Wasserspiegelungen verfliessen weich, lösen Strukturen in Mikrobewegungen auf, das unstete Wesen des Wassers offenbarend. Die Muster zacken flimmernd aus wie Kardiagramme, wobei die irrwitzige Verwunschenheit dieser Spiegelmuster mit der gleichförmigen Weite des Sees kontrastiert.
verwandlung
Martin Meyer, NZZ vom 30. Mai 1992
«Eine Realität, welche in kleinsten Bewegungen beständig changiert – sich fortwährend auflöst, fortwährend sich neu gruppiert. Was die Naturwissenschaften schon lange beobachten – sollte es nicht auch der Kunst gelingen? Den Staub der Materie zu erfassen, bevor er zu starren Gebilden geworden ist? So fände die Klage von Hofmannsthals ‹Chandos›-Brief (dass Worte und Begriffe wie ‹modrige Pilze› zerfallen) eine überraschende Antwort: nicht Zerfall, sondern Energiewandel geschähe. Nicht das Nichts im Verstummen käme, sondern nur ein Übergang – das feine und feinere Beschreiben einer Teilchen-Welt.»
existenz
Nicolas Bouvier, «Die Erfahrung der Welt»
«An jenem Tag glaubte ich wirklich, ich hätte etwas für immer bekommen und mein Leben dadurch verwandelt. Aber nichts von dieser Art ist jemals endgültig errungen. Einem Wasserlauf gleich strömt die Welt einen Augenblick durch einen durch und leiht einem die Farben. Dann zieht sie sich zurück, und man steht wieder vor der Leere, die jeder in sich trägt, vor diesem grundsätzlichen Ungenügen der Seele, mit dem man leben lernen muss, das man bekämpfen muss und das paradoxerweise vielleicht noch unser sicherster Antrieb ist.»