Plädoyer fürs Tanzen
Wenn der Fussballen abrollt,mich in den nächsten Schritt treibt, schwebe ich einen Moment. Jeder Schritt pendelt mich mit dem Boden und der Umgebung aus wie die Schalen einer Waage. Beim Tanzen aber sprenge ich dieses Gleichmass. Da will ich mehr: herumalbern, hüpfen, mich drehen, wirbeln, die Schwerkraft überlisten, spielerische Impulse tauschen und schliesslich in eine Art Ekstase eintauchen, die meine Wahrnehmung verändert.
Wenn mich Musik inspiriert, gelingt es mir, auszudrücken, wozu die Sprache immer etwas zu spät käme. Bewegungen und Gesten werden zu mühelosen Sprachfiguren: Ich ironisiere, spiele mit Gegensätzen, Übertreibung. Nuancen finden unmittelbar Platz und Echo im Netz der Musik. Die Sprache als Folie meines Denkens ist dagegen in ihrer Formalität und Absolutheit stumm.
Der Rhythmus-Sinn wurzelt im Triebhaft-Animalischen und eröffnet gleichzeitig die Welt des Abstrakt-Formalen als neuen Erfahrungshorizont. In ihm wurzelt die Fähigkeit, Mass, Form und Proportion als ästhetische Gestalten sinnlich wahrzunehmen. So gesehen ist das Rhythmus-Empfinden der Ursprung der Kunst und insofern bilde ich beim Tanzen Uraltes ab oder ahme es nach. Der rituelle Tanz ist so alt, weil in ihm die Möglichkeit magischer Kommunikation beschlossen lag, eine Funktion, die der moderne Paartanz einer Ordnungsinstanz, der Führung des Mannes, überantwortet und damit das Tanzen intellektualisiert und sozialisiert hat. War die Frau in den goldenen Zwanzigerjahren noch gleichberechtigt im wilden Charleston, Foxtrott und Shimmy, blieb ihr nur die Verzierungsfreiheit. Die auf Automatismen beruhende Harmonie des Paartanzes fehlt das Chaotische der Tanzimprovisation, wo sich Agieren und Reagieren unter der Spannung des Augenkontakts anfeuern: Ich erlebe dann eine Dichte und Präsenz, die im besten Fall die Zeit anhält, meine Wahrnehmung auf «Zeitlupe» schaltet und so Raum- und Zeiterfahrung weitet. Ich entäussere mich. Eine halluzinogene und erotisierende Wirkung. Der Raum teilt sich in eine Sphäre der Zweisamkeit und einen leeren, tiefen Raum um mich herum. Die Tiefe des Tanzens besteht in der Ambivalenz von Dichte und Leere sich entgrenzenden Raums. Wie sich das Poetische als Spirale um einen gerichteten Gedanken rankt, offenbart sich der Raum als Verbindung der Geraden mit der Schlangenlinie als rhythmisch und musikalisch. Klang und Rhythmus teilen die Zeit und staffeln den Raum, der die empfundene Zeit ekstatischer Präsenz ist. Wir sind schwingende Körper im synchron schwingenden Zeit-Raum-Kontinuum.
Weshalb schenken wir dem Alltagsgehen nicht etwas mehr von der Spontanästhetik des Tanzes? Das Gleichmass öffentlichen Gehens hat etwas Ödes und die Grazie beschränkt sich mehr oder weniger auf die Motorik des eingeübten Frauengangs. Die zielgerichtete Bewegung gilt als am effizientesten und funktionellsten. Wo sind die Pirouetten zwischen Kochplatte und Kühlschrank, der Schwung des Tänzers zwischen den Einkaufsregalen, die tänzerische Volte im Zickzack durch die überfüllte Einkaufsmeile? Wir dürften ruhig etwas exaltierter, ausholender Raum greifen.
Der Tanz funktioniert im Grunde wie das Atmen und jede Körperempfindung zwischen den Polen «Schwellung» und «Entspannung». In jedem Atemzug wie in jeder Bewegung spielt sich ein kleines antikes Drama ab mit Katharsis und Höhepunkt. Die Katastrophe bleibt zum Glück in der Regel aus.
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