Der Berg
Ich bin so nahe am Berg, dass er mein Gesichtsfeld ausfüllt, aber gerade noch Silhouette bleibt. Er zeigt alles, wie ein offenes Gesicht. Kein Baum, kaum ein Schatten ist auszumachen. Ich sitze im Gras und warte, wie auf das Lächeln einer Geliebten, auf über die Hänge fliegende Wolkenschatten. Da geschieht es: Plötzlich beginnt der Berg zu fliessen. Ich sehe ihn gleichzeitig von nah und fern als Silhouette in verschiedenen Formaten. Er brandet wie eine Welle auf mich zu. Es scheint, als quöllen Erde, Luft und Wasser ineinander. Für einen Moment vereinen sich die Elemente und Jahreszeiten. Steinchen klimpern in die sakrale Stille, wässriges Gebimmel weht von den Matten herauf. Die Sonne zerreisst Wolken, zündet ein Dreieck an und lässt es zum Gipfel gleiten. Schmelzwasser hat die Hänge gebürstet, Gras wächst die Bergflanke hoch und glüht wie Aquarium-Moos. Zuweilen sickert eine Wolke über den scharfen Grat. Ein Bächlein kündet von der Endlichkeit des Gebirges, seiner Erosion hin zum Meer, zum sich immerfort entziehenden Horizont. Das Vergehen rauscht am Berg, Ewigkeit am Meer. Gras- und Geröllflächen mäandern weich ineinander wie die Teile des Yin-Yang-Zeichens oder Fruchtbahnen einer Eiscrème. Dabei bleibt jede Fläche klar abgesteckt wie auf Kinderzeichnungen, wo in surrealistischer Manier ein Sandstrand neben einer Autobahn oder Skipiste liegen kann. Vielleicht hat der durchsichtige, in Schwaden hochwehende Nebel den Schwindel raumzeitlicher Entrückung in mir bewirkt, indem er einen goldenen Schleier wob, hinter dem Schnee und Gras in der Sonne leuchteten. Dieses Schwemmlandgrün, denke ich, ist sonnenpralle blaue Unendlichkeit. Licht, Luft, Berg und Bewegung verbinden sich. Ich werde Teil einer mich umhüllenden Totalität, in der sich die Bergsilhouette in unzähligen Formaten ins Unendliche staffelt. In atemloser Weitung verschachtelt sich der Raum. Alles ist reine Bewegung. Der Berg fliesst wie der Pinselstrich eines grossen Koloristen, türmt sich zur Welle auf, wallt in der Wolkendrift wie Gewänder auf Rubens’ Historienbildern. Ich begreife, wie ein grosses Gemälde aus einem reinen Bewegungsimpuls heraus entsteht und den Betrachter auffordert, nach seinem Schöpfungskern zu suchen: Rubens’ «Prometheus», Fragonnards «Satyr mit Bacchantinnen», die kugeligen Leiber Picassos aus dem goldenen Zeitalter, Vuillards «Frauen an einem Tisch» – lauter Lichtmalereien grandioser Bewegung. War es vielleicht gerade die Bewegung, die diese Synthese von nah und fern, Raum und Zeit, Traum und Wirklichkeit in mir hervorbrachte? Auch vor dem Strahlenkaleidoskop einer Domrosette umweht mich, ähnlich wie in einer alpinen Arena aus Eis und Fels, ein kosmischer Hauch. Schwindel erfasst mich, öffnet den Raum und lässt ihn hin und her wogen. Kirchen zirkeln den Raum auf irdisches Format herunter, um ihn aber gleich wieder ins Kosmische zu entgrenzen.