Literarische Texte und Zitate
Hermann Schmitz, «Die Liebe», S. 39/40
Leiblichsein bedeutet in erster Linie: zwischen Enge und Weite in der Mitte zu stehen und weder von dieser noch von jener ganz loszukommen, wenigstens so lange, wie das bewusste Erleben währt. (…) Engung im Schreck, in der Bestürzung, beim Zusammenfahren, wenn das Band zwischen Engung und Weitung gleichsam reisst, Weitung im Einschlafen, in Trance und Dösen, wobei es sich in sanfterer Weise löst, gleichsam ausleiert. (…) Wenn die Spaltung total wird, ist das Bewusstsein weg. Es bedarf des Antriebs. Die in diesem enthaltene Engung und Weitung bezeichne ich als Spannung bzw. Schwellung. (…) Im Übrigen schwingt der Antrieb zwischen den Polen dominanter Spannung (Angst und Schmerz) und dominanter Schwellung (Wollust).»
Immanuel Kant, «Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels»
«Die Schöpfung ist niemals vollendet. Sie hat zwar einmal angefangen, aber sie wird niemals aufhören. Sie ist immer geschäftig, mehr Auftritte der Natur, neue Dinge und neue Welten hervorzubringen. Das Werk, welches sie zu Stande bringet, hat ein Verhältnis zu der Zeit, die sie darauf anwendet. Sie braucht nichts weniger als eine Ewigkeit, um die ganze grenzenlose Weite der unendlichen Räume, mit Welten ohne Zahl und ohne Ende, zu beleben.»
Flavio Steimann, «Aperwind», S. 29
«… Das Nichts müsse einer immer mehr lieben als die Dinge. Die Täuschungen – habe Marti zuweilen gesagt – seien das einzig Wirkliche im Leben; das, was man als die Wahrheit betrachte, obwohl es sie nicht sei: die blinden Tänze zur lautlosen Musik, die unsichtbaren Wände, die sich stets im letzten nur möglichen Augenblick zwischen einen und das Begehrte schöben.»
Aus dem «Mann ohne Eigenschaften», S. 659
«Ich habe Tage, wo ich aus mir hinausschlüpfen kann. Dann steht man – wie soll ich das sagen? – wie geschält zwischen den Dingen, von denen auch die schmutzige Rinde abgezogen ist. Oder man ist mit allem, was dasteht, durch die Luft wie ein zusammengewachsener Zwilling verbunden. Es ist ein unerhört grossartiger Zustand; alles geht ins Musikalische und Farbige und Rhythmische, und ich bin dann nicht die Bürgerin Clarisse, als die ich getauft bin, sondern vielleicht ein glänzender Splitter, der in ein ungeheures Glück eindringt. Aber das weisst du ja alles selbst!»
Frühling
Frühling, harte weisse Sonne, ein glitzerndes Schneefeld, Narzissen darauf. Die Zeit der Signalfarben erwacht. Zwischentöne warten auf den Sommer, wenn sich ein weicher Pastellton in die Dinge mischt und sie in ihrer Beschaffenheit zeigt.
Leere Kammern
Seine Gespielinnen sollen ihn sein leeres Herz vergessen lassen. So verschmilzt Don Juans Begierde mit dem Schatten seiner Melancholie. Allfällige Schicklichkeitsskrupel der Dame hüllen sich in ätherisches Gewölk, das grell Fauneske und Groteske der Situation vernebelt bereitwillig gespendete erotische Labsal. In die Leere der Tiefe sinkt die Lust und streift an den dunklen Schächten der Seele alle Vorbehalte ab. Auf dem Grund steckt aber der Stachel der Einsamkeit, dessen Spitze das Begehren nur vorübergehend brechen kann.